Zwischen Unschuld und Schuld – eine mystische Erinnerung
- Michèle
- 2. Aug. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 19. Dez. 2025
Es gibt Worte, die tragen eine uralte Schwingung in sich. Worte, die nicht nur gedacht, sondern erinnert werden wollen. Unschuld und Schuld sind solche Worte. Sie berühren etwas Tieferes in uns – etwas, das jenseits von Moral, Geschichte und persönlicher Biografie liegt.
Die leise Wahrheit der Unschuld
Unschuld ist ein ursprüngliches Feld – ein innerer Raum, der schon da war, bevor wir gelernt haben, uns zu erklären.
Bevor wir wussten, wer wir sein sollen.
Bevor wir verstanden, was richtig oder falsch ist.
Bevor wir begannen, uns selbst zu hinterfragen.
Unschuld ist das sanfte Wissen unseres Wesens: Ich bin.
Sie ist nicht laut. Sie drängt sich nicht auf. Sie wartet geduldig unter all den Schichten, die wir im Laufe unseres Lebens angelegt haben. Und selbst wenn wir sie lange nicht gespürt haben – sie ist nie gegangen.
Wenn Schuld sich über das Herz legt
Schuld entsteht oft dort, wo sich das Herz zusammenzieht.
Nicht, weil wir wahrhaftig falsch waren – sondern weil wir gelernt haben, uns zu trennen. Von unserer Wahrheit. Von unserer Intuition. Von dem, was wir tief im Innern fühlten.
Schuld wird geboren aus Erwartungen. Aus Anpassung. Aus dem Wunsch, geliebt zu werden.
So viele Schuldgefühle sind gar nicht unsere eigenen. Sie wurden übernommen, weitergetragen, verinnerlicht. Wie ein schwerer Mantel, den wir irgendwann vergessen haben abzulegen.
Schuld flüstert: "Du hättest anders sein müssen."
Unschuld haucht: "Du durftest so sein, wie du warst."
Die verborgene Gabe der Schuld
Auch Schuld trägt eine Weisheit in sich – wenn wir ihr sanft begegnen.
Sie zeigt uns die Stellen, an denen wir uns selbst verlassen haben. Die Momente, in denen wir uns kleiner gemacht haben, leiser, angepasster, als es unserer Seele entsprach.
In ihrer reifen Form lädt Schuld nicht zur Strafe ein, sondern zur Rückverbindung.
Nicht: "Ich bin falsch."
Sondern: "Ich darf wieder heimkehren. Heim zu mir. Heim in mein Herz. Heim in meine Wahrheit."
Der zarte Weg zurück
Der Weg zurück in die Unschuld ist kein gerader Pfad. Er ist ein Kreisen, ein Erinnern, ein sanftes Abstreifen.
Er führt über Mitgefühl.
Mitgefühl für den Menschen, der wir waren, als wir noch nicht wussten. Mitgefühl für die Entscheidungen, die aus Angst, Liebe oder Überleben entstanden sind. Mitgefühl für all die Versionen von uns, die ihr Bestes gegeben haben.
Unschuld kehrt zurück, wenn wir aufhören, uns innerlich festzuhalten. Wenn wir beginnen, uns selbst zuzuhören. Wenn wir uns erlauben, weich zu werden.
Vielleicht ist einer der heilsamsten Sätze: "Ich habe in diesem Moment nach bestem Wissen und Fühlen gehandelt."
Jenseits der Gegensätze
Auf einer tieferen Ebene – dort, wo Worte still werden – lösen sich Schuld und Unschuld auf.
Dort gibt es nur Bewusstsein.
Ein weites, liebendes Feld, das nichts verurteilt und nichts festhält. Ein Raum, der alles umarmt, was wir sind und waren.
In diesem Raum müssen wir nichts beweisen. Nichts reparieren. Nichts rechtfertigen.
Wir dürfen einfach da sein.
Eine stille Einladung
Vielleicht magst du für einen Moment nach innen lauschen:
Wo halte ich mich noch fest an Schuld?
Wo darf ich mir selbst vergeben – nicht mit dem Verstand, sondern mit dem Herzen?
Wie fühlt sich Unschuld in mir an, wenn ich nichts erklären muss?
Manchmal ist Heilung kein Tun. Sondern ein Erlauben.
Unschuld ist kein Zustand der Vergangenheit. Sie ist eine lebendige Erinnerung.
Und sie berührt dich – genau jetzt.
„Ich habe gelernt, dass jede Schuld ein Ruf nach Liebe ist.“ - Hafis (Sufi-Mystiker)
Gebet der Rückkehr – zwischen Unschuld und Schuld
Geliebte Schöpfung,
ich trete jetzt einen Schritt zurück aus dem Urteil, aus der Enge meiner Gedanken, aus den Geschichten von richtig und falsch.
Ich lege ab, was ich Schuld genannt habe, wie einen Mantel, der mir einst Schutz gab und nun zu schwer geworden ist.
Ich erkenne an, dass ich Wege gegangen bin, geboren aus Angst, aus Liebe und aus der tiefen Sehnsucht dazuzugehören.
Und ich ehre den Menschen, der ich in diesen Momenten war.
Wo ich mich selbst verurteilt habe, lade ich nun Mitgefühl ein.
Wo ich mich getrennt fühlte, erinnere ich mich an Verbindung.
Möge alles, was ich nicht besser wusste, nicht länger gegen mich sprechen.
Möge alles, was aus Schmerz geboren wurde, in Liebe zurückkehren.
Ich bitte nicht um Vergebung von einer äußeren Instanz. Ich erlaube mir, mir selbst zu vergeben.
Ich erinnere mich daran, dass meine Seele nie beschmutzt war. Dass meine Essenz unversehrt geblieben ist,
dass Unschuld kein Zustand der Vergangenheit ist, sondern eine Wahrheit unter allem.
Geliebte Schöpfung, hilf mir, weich zu werden. Hilf mir, mich nicht länger festzuhalten an Selbstvorwürfen, die mich klein machen.
Lehre mich eine Verantwortung, die aus Liebe entsteht und nicht aus Angst.
Ich kehre zurück in mein Herz. Ich kehre zurück in meinen Körper. Ich kehre zurück in den gegenwärtigen Moment.
Und hier, in dieser stillen Weite, lege ich alle Schuld ab und erlaube mir, einfach wahr und vollkommen zu sein.
Amen.



